Schöner Ausklang der Regattasaison in Kettwig

Irgendetwas war in den letzten Wochen anders: ständig verabredete Mannschaften auf dem Wasser, laute Kommandos in den Booten, eifrige Diskussionen um Schlagzahl und Material im Anschluss an die Ausfahrten, überfüllte Ergokurse, verzweifelte Suche nach grünen Mützen… Erfahrenen unter uns kommt es recht schnell in den Sinn:
Regatta – Winter – Kettwig? – Richtig!

An der 41. Nikolausregatta des Kettwiger Ruder-Regattaverein konnten wir in diesem Jahr mit 18 Personen (inkl. zwei Gästen aus Frankfurt bzw. Köln) teilnehmen, die in sechs Teams beim diesjährigen Ausklang der Breitensportsaison antraten. Bei gutem Wetter und idealen Wasserbedingungen war dies für sieben Mitglieder des WSVG sogar Regattapremiere. Nach aufregenden Stunden vor dem Start konnten wir bei diesen nach der Zielankunft ausschließlich in erschöpfte, jedoch zufriedene Gesichter blicken. Für Gesprächsstoff bei anschließendem Glühwein war gesorgt. Zudem konnte sogar ein 1. Platz unserer Anfänger-Crew um Eugen, Henrik, Jasmina und Marieke mit Steuermann Paul eingefahren werden! Henrik schildert das Geschehen weiter unten aus seiner Sicht.
Breitensportsaison 2025 in Zahlen
Im Jahr 2025 nahm der WSVG mit 62 Teilnehmenden an sechs Regatten teil. Dabei konnten drei Siege errungen werden (Eurega, Baldeneysee, Kettwig). Weitere Medaillenränge wurden beim diesjährigen Rheinmarathon durch ein Unwetter verhindert. Die drei gemeldeten WSVG-Teams waren startklar, eins bereits auf dem Wasser, als enorme Sturmböen und hohe Wellen eine geordnete Fahrt unmöglich machten. Nach kurzer Unterbrechung der Regatta und dem gekenterten Boot eines anderen Vereins (ohne Verletzungen) sind wir aus Sicherheitsgründen die Regatta nicht gefahren. Ein kleiner Wermutstropfen in einem sehr engagierten und durchaus erfolgreichen Jahr.
Jens Reppahn
Nikolausregatta in Essen-Kettwig – Ein persönlicher Bericht in drei Zügen
Einmal einer von 667 Nikoläusen in 119 Booten sein. Das wär’s doch, oder? Das ist die Nikolausregatta in Essen-Kettwig. Gab es jemals mehr Nikoläuse an einem einzigen Tag auf der Ruhr? Eigentlich rekordverdächtig für einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde. Aber Achtung: Wie fängt man so etwas an?
1. Das Rennen ist vor dem Rennen: Das Training
Also, Fingerheben für eine Meldung an Jens, wir machen das, mixed Doppelvierer, Anfänger. „Jens, kannst Du uns trainieren?“ Der schaut nach vorn und schaut in die Rund… Alles klar. Wir sind auch beim Training ziemlich mixed, da wir kaum einmal unsere Mannschaft zusammen ins Boot bekommen. Die Termine. Egal. Es wird schon irgendwie klappen.

Konzentration beim Einsteigen, die Stimmung ist gut, Einstellungen vornehmen. Puls: 80. Vier klar, drei klar, zwei klar, eins klar. Nö, eine Schiene ist locker. Endlich: „Alle voraus“. Anfahren mit drei Schlägen, die Lage des Bootes kontrollieren und mit den Füßen stabilisieren. Am Anfang nur mit den Armen und durchgestreckten Beinen rudern, der Rücken bleibt gerade, sauber setzen und ausheben. „Nicht hacken!“. Dann halbe Rollbahn, dann ganze Rollbahn. Freiweg bis zur Nordspitze Nonnenwerth. Das Boot gleitet, leichter Heckwirbel. Puls: 100.
Dann mit zehn Schlägen beschleunigen, Kraft und Schlagzahl erhöhen, das Boot nimmt Fahrt auf, der Heckwirbel wird länger. Und dranbleiben, nicht nachlassen, werden wir langsamer? Nicht nachdenken. Geht da noch mehr? Wie lange noch? Puls: 130.
Dann, endlich, „klar zur Wende über Backbord. Backbord stoppen… Backbord stoppt… Backbord beginnt zu streichen“. Die Füße ziehen am Stemmbrett, das Boot neigt sich, der Heckwirbel bricht ab, „Steuerbord zieht“. „Wende halt, alle voraus“. Mit drei Schlägen wieder Fahrt aufnehmen, das Stemmbrett knarrt. Das klappt schon ganz gut. So beginnt das Training. Wenn wir so weitermachen… Der Trainer und Steuermann, der schaut nach vorn und schaut in die Rund…
2. Der Renntag: Eine plötzliche Begegnung mit dem Unbekannten

Konzentration und Nervosität steigen. Hinfahrt, Abladen, Aufriggern und dem Hundekot ausweichen auf nasser und rutschiger Wiese klappen schon mal ganz gut. Super Wetter, 12 Grad und trocken. Aber Achtung! Zehner-Maulschlüssel zum Festschrauben der Ausleger in den Händen nervöser Anfänger…? Vooorsicht! Hier lauert das böse Drehmoment. Vertrauen ist gut, persönliche Kontrolle durch den großen Vorsitzenden ist besser. Puls: 90 (bei uns).
10 Uhr. Dann sind wir auch schon auf dem Wasser. Eine kleine Runde noch in großem Bogen bis zur Startlinie. Stimmt alles? Alles OK, die Einstellungen stimmen. Nein! Verdammt, die Klipse an den Dollen sind ungleich und völlig falsch eingestellt. „Ruder halt!“ Eine Hand unter die Dolle halten, mit der anderen Hand vorsichtig die Klipse umstecken. Alles geht gut. Puls: 100.
Dann der Start. War das schon der Start? Wir sind im Tunnel. Los geht’s. Sind wir zu langsam? Hinter uns startet schon der nächste Doppelvierer. Schneller, mehr Druck. Das fühlt sich gut an. Das Boot liegt gut, der Takt stimmt, der Heckwirbel wird länger und gleichmäßiger. Wir halten das andere Boot auf Abstand. Dann, plötzlich, was ist das für ein unbekanntes Geräusch? Unruhe im Boot. Ach du Sch… Ein Rollsitz ist herausgesprungen. Das darf doch nicht wahr sein. Aus! Das war’s! „Ruder halt! Blätter ab!“. Wir stoppen. Das Boot schwankt hin und her. Hektisches Getriebe im Bug. Der andere Doppelvierer kommt wieder auf. Bleibt der Puls stehen? Gibt es noch Hoffnung? Ja. Wir sind mixed. Wir können das. Wir haben nämlich zwei großartige OP-Schwestern an Bord. Die bleiben cool. Die Diagnose: Ein Rollsitz… ohne Betäubung…? Das ist nicht einmal eine halbe Herz-OP. In einer Not-OP wird der Rollsitz blitzschnell wieder eingerenkt. „Alle voraus“. Weiter geht’s. Und Druck. Das andere Boot ist schon fast hinter uns. Schaffen wir es noch vorher bis zur Wende? Ja, das klappt. Und Druck. „Steuerbord über“. Dann die Wende. Eine Superwende!

Eng gleiten wir um die Tonne und nehmen wieder Fahrt auf. Das Stemmbrett knarrt. Puls: 130. Das andere Boot bleibt zurück, verfährt sich bei der Wende, kommt schwerfällig herum. Wir geben Gas. Da ist noch mehr drin. Der Abstand vergrößert sich, bis zum Ziel hängen wir das andere Boot ab. Puls: 138. Geschafft! Wir haben es geschafft. Kaum zu glauben. Als wir anlegen singen Ella Fitzgerald und Louis Jordan „Baby, it’s cold outside“. Da sind wir im Moment allerdings anderer Meinung. Langsam fällt die Anspannung von uns ab.
3. Der Rest? Eine Kettwiger „Goldmedaille“
Der Rest ist schnell erzählt: Umziehen, Bratwurst, Glühwein und glänzende Gesichter. Und dann ist das Erstaunen groß: Wir werden aufgerufen zur Siegerehrung. Wir sind auf Rang 1. Unfassbar. Als Anfänger und in unserer Altersklasse war kein anderes Boot schneller. Wie gut, dass es kein anderes Boot gab… 😊
Und der Trainer? Der schaut nach vorn und schaut in die Rund…
Ahoi, Henrik Schwarz